Wie wollen wir leben?

Das Buch «Wie wollen wir leben?» von Peter Bieri (Bieri, 2013)⁠, das ich zufälligerweise in einer Buchhandlung aufhob, da die Frage im Titel auch mich beschäftigt, ist eines der besten Bücher, die ich in der letzten Zeit entdeckt habe. In diesem Text versuche ich die Einsichten von Bieri in mir bekannte psychotherapeutische Konzepte und meine Erfahrungen und eigenen Einsichten einzuordnen. Seitenzahlen ohne die Angabe einer Quelle beziehen sich auf oben genanntes Buch.

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Die schwarzhaarige Rita

Markus öffnet die Augen. Der Kopf brummt noch vom Vorabend. Grelles Licht peitscht ihm durch die Augenlinsen auf die Netzhaut, ein stechender Schmerz, der sich zusammen mit einem ausgewachsenen Vertigo zu einem unaushaltbaren Inferno verbündet. Reflexartig schliessen sich seine Augenlider wieder und es erscheinen bruchstückhafte Bilder vom gestrigen Abend. Die schwarzhaarige Rita, wie sie da mit ihrem weissen Sommerkleid steht. Rita, wie sie ihn anlächelt und ihn beim Vorbeigehen, als er auf der Festbank neben seinen Arbeitskollegen sitzt, scheinbar unbeabsichtigt mit ihrer Hüfte streift. Rita, wie sie durch einen anderen zum Tanz aufgeboten wird. Rita, wie sie mit diesem anderen davonzieht.

Traurigkeit mischt sich in sein benebeltes Bewusstsein. Er steht auf, tastet sich gangunsicher zur Küche fort, stellt die Espresso-Maschine ein und während er darauf wartet, dass diese mit dem Vorheizen des Wassers fertig ist, trinkt er einen gefühlten Liter Wasser direkt aus dem Wasserhahn. Nach dem er den Espresso am runden, weissen Kunstmarmortisch in der Küche mit Blick auf das gegenüberliegende Wohnsilo fertiggetrunken hat, macht sich der gegen die Übelkeit wirkende Effekt des Koffeins bemerkbar. Dazu noch etwas salziger Aufschnitt, nochmals Wasser. Bald geht es ihm etwas besser.

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Peter Bieri – Wie wollen wir leben?

Vor ein paar Tagen in einem Buchladen, als ich gerade vor der Kasse anstehen wollte, zog ein Buch mit dem Titel «Wie wollen wir leben?» meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich blätterte ein bisschen darin herum. Weil mich die paar Sätze nicht abschreckten, kaufte ich das Buch kurzentschlossen. Jetzt habe ich das erste Kapitel des Buches gelesen und bin begeistert, im wahrsten Sinne des Wortes. Neue oder auch gleiche Perspektiven auf Themen, die mich persönlich, aber auch bei meiner Arbeit beschäftigen. Inhaltlich werde ich darauf an anderer Stelle noch eingehen.

Bieri 2013 Wie wollen wir leben

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Selbstakzeptanz als Anwort auf Selbstzweifel und verdeckten Narzissmus

Heute (27.05.2011) war wieder Weiterbildung und ich hatte intensiven Kontakt mit anderen Menschen, stellte auch Fragen, auch kritische Fragen; ich war dabei ruhig, bzw. nicht von der lähmenden sozialen Interaktionsangst geplagt, oder von abwesendem Selbstvertrauen, von der Idee, dass ich noch viel Lesen und viel Erfolge haben muss, bis ich den anderen Menschen selbstsicher gegenübertreten kann.

Das war heute von mir wie abgefallen gewesen. Ich schlich nicht herum, schaute den anderen in die Augen, konnte mich wirklich auf sie einlassen, weil ich nicht so mit mir selbst beschäftigt war. Das Gesprächsthema kam auch mal auf dieses Thema und andere haben ganz ähnliche Erfahrungen gemacht, haben auch erlebt, dass es mal «klick» machen kann, man das aber wieder verliert. Eine selbstbewusst wirkende Mitstudentin war plötzlich kein Übermensch mehr, sie war wieder in Reichweite, idealisierte sie nicht so, sie gefiel mir nach wie vor, ich sah aber auch Aspekte, die mir weniger gefielen.

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John Denver – Annie’s Song

Ich wollte in San Ramon CA, als ich mich auf den Flug von San Francisco zurück nach Zürich “vorbereitete”, den Song “You” von Ten Sharp auf Youtube schauen. Ich wusste aber den Namen der Band nicht mehr. Ich versuchte es mal mit einer Suche mit dem Suchwort “you”. Dadurch stiess ich per Zufall auf Annie’s Song von John Denver. Ich war sofort fasziniert und tief berührt.

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Mark Knopfler – Romeo and Juliet

Vor ein paar Tagen hörte ich ein Lied auf dem lokalen Radiosender, das meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Gesang klang ähnlich wie der von Bob Dylan, es war jedoch nicht Bob Dylan. Die Melodie schien sehr einfach (jetzt, wo ich das Lied nachspielen möchte, sehe ich, dass es zwar einfach klingt, aber gar nicht einfach zu spielen ist). Es war Mark Knopfler mit seinem wunderschönen «Romeo and Juliet». Mark Knopfler tourte 2011 mit Bob Dylan, auch durch die Schweiz. Ich hatte Tickets, konnte aber wegen einer Konferenz im Ausland nicht ans Konzert gehen. Wegen «Romeo and Juliet» reut mich dies nun besonders … Beim nächsten Besuch von Mark Knopfler in der Nähe bin ich auf jeden Fall dabei:

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Flugangst als Lebensschule

Am 16. Juli 2013 plante ich einen therapeutischen Flug von Zürich nach Düsseldorf, um nach zweimaligem Vermeiden, wieder in ein Flugzeug einzusteigen. Der Flug sollte am 01.08.2013 stattfinden. Die Geschichte der Vorbereitungen ist unten dargestellt. Ich bin dann tatsächlich geflogen! Zum einen bin ich sehr stolz darauf, zum anderen bin ich auch sehr erleichtert; dies vor allem auch im Hinblick auf die noch anstehenden Flüge dieses Jahr.

Jeder hat seine Ängste, seine Achillesferse oder seine Herausforderungen. Bei mir gehört dazu die Flugphobie, der ich nun wieder einmal ein Schnippchen geschlagen habe. Während der Vorbereitung habe ich einiges gelernt. Aufgrund der Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen habe ich gelernt, besser darauf zu achten, wie es mir gerade geht, ob ich angespannt bin oder nicht. Aufgrund der gedanklichen Einengung auf den bevorstehenden Flug machte ich mir zudem weniger Gedanken darüber, wie ich und mein Verhalten bei anderen ankommen könnte. Ich handelte mehr aus mir heraus, aus meinen Überzeugungen, ohne dem Zwang, es anderen recht machen zu müssen. Es ist dabei nichts schlimmes passiert. Ganz im Gegenteil: Es fühlte sich gut an, nicht mit der Selbstwertregulation beschäftigt zu sein, sondern mit dem Bewältigen der Situation selbst.

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Wenn die Lösung das Problem ist

Gerade habe ich den Vortrag geschaut, den Watzlawick 1987 gehalten hat: «Wenn die Lösung das Problem ist.» Diese Paradoxie trifft auch auf die psychischen Störungen zu, bzw. darin besteht der Mechanismus der psychischen Störungen. Umgekehrt erscheint die Therapie einer psychischen Störung paradox: Wir müssen damit aufhören, das Problem zu lösen.

Das Problem besteht in den Lösungsversuchen selbst und zwar deshalb, weil das vermeintliche Problem nicht lösbar, bzw. gar kein Problem ist. So werden oft unangenehme Emotionen als Problem betrachtet. Die Vermeidung von unangenehmen Emotionen (z.B. durch Alkohol, Vermeidung von sozialen Situation, durch positives Denken) führt unweigerlich zu mehr Schwierigkeiten und unangenehmen Emotionen. Der Weg geht gerade über das Aufgeben dieser Lösungsversuche und dem Akzeptieren der unangenehmen Emotionen als unabänderliche menschliche Bedingung. Wenn wir nicht mehr mit den Emotionen, d.h. mit dem Innenleben kämpfen, ist Energie und Aufmerksamkeit frei für das, was uns wirklich am Herzen liegt.

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Liebe und andere Kleinigkeiten… :-) (06.05.2003)

Im Folgenden ein e-Mail, das ich vor zehn Jahren an einen Freund geschrieben habe. Den Inhalt finde ich nach wie vor interessant und für mich selbst auch gültig:

Nun melde ich mich endlich, nach langer Zeit. Die letzten zwei Wochen waren die Hölle, nicht nur wegen dem Schulstress, sondern auch wegen meiner Seele. Ja, ich erlebte seelische Umnachtung. Ich verstrickte mich in Fragen nach dem freien Willen, der Kausalität und der gleichen. Zeitweise habe ich dann in solch dünner intellektueller Luft gelebt, dass ich fast daran erstickt wäre. Ich sende dir zwei Fachzeitschriftartikel, die mich besonders besorgt haben. Wegner ist einer der grossen Verfechter, dass unser freie Wille nur eine Illusion ist, ein guter und nützlicher Trick unseres Nervensystems. Nahmias schrieb eine Antwort auf das Buch, das Wegner verfasst hat (was vermutlich nicht viel anderes enthält als den Artikel, den ich der angehängt habe). Ich fand noch zahlreiche andere solcher Artikel und es wird spekuliert, dass wir, nachdem wir nicht mehr das Zentrum des Universums sind, nicht mehr Krone der Schöpfung sind und zum grossen Teil von einem Unterbewusstsein beeinflusst werden, nun auch noch unseren freien Willen verlieren sollen.

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