Viktor Frankl – … trotzdem Ja zum Leben sagen

Viktor Frankl, Begründer der Logotherapie, beeindruckt durch seine Authentizität, die sowohl im Film als auch im gleichnamigen Buch (s.u.) deutlich spürbar wird. In der modernen Psychotherapie – im Gegensatz zur Logotherapie – ist die Frage nach dem Sinn weitgehend ausgeklammert; man verweist auf andere Disziplinen, wie die Philosophie und die Theologie, die dafür zuständig seien.

Ich bin damit einverstanden, dass die Psychotherapie inhaltlich zur Frage des Sinns keine Stellung nehmen muss, ja vielleicht keine Stellung dazu nehmen darf. Dies schliesst jedoch nicht aus, dass die Frage nach dem Sinn Teil des psychotherapeutischen Prozesses sein soll. Gelingt die Sinnfindung, dann erscheinen die Symptome plötzlich in einem neuen Licht. «Angstexposition, um die Angst weg zu machen» (Symptomorientierung – klassische kognitive Verhaltenstherapie) versus «dem Sinn folgen und dabei Angstgefühle in Kauf nehmen» (d.h. Angstexposition als Nebenprodukt, wobei der Endpunkt nicht bei der Angstfreiheit, sondern bei einem sinnorientierten Leben liegt – Wert- bzw. Sinnorientierung – z.B. Akzeptanz- und Commitment-Therapie).

Dokumentarfilm

Schöner Dokumentarfilm, in dem die Gedanken, die Viktor Frankl schon in seinem kurz nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager geschriebenen Buch «trotzdem Ja zum leben sagen» (1945) dargelegt hatte, durch die Äusserung in Bild und Ton vom Autor selbst noch eindringlicher und lebendiger herüberkommen.

«Was kann man in der heutigen Zeit, in dieser schwierigen Zeit, einem Menschen mit auf den Weg geben? – Ich glaube, es wär’ das wichtigste, ihn daran zu erinnern, dass Menschsein letzten Endes heisst, verantwortlich sein. Verantwortlich für die Erfüllung jenes Sinnes, der darauf wartet sozusagen, von ihm und nur von ihm erfüllt zu werden.» (ab 27:35)

«Dieser Sinn lässt sich nun auf dreifache Weise erfüllen:
– Entweder schöpferisch, in dem wir ein Werk schaffen, in dem wir eine Tat setzen.
– Oder aber erlebend, in dem wir die Schönheit der Natur, die Güte eines Menschen erleben oder einen Menschen liebend in seinem innersten Wesen erleben.
– Und drittens, wo es notwendig ist, wo die Ursache einer Leidenssituation sich auf keinen Fall mehr beseitigen lässt, kommt es drauf an, in welcher Haltung, in welcher Einstellung, wir dieses Leiden auf uns nehmen: mit Tapferkeit und in Würde.» (ab 16:54)

«Jeder hat sein Auschwitz.» (ab 10:08)

Das Buch

Frankl 1945 und trotzdem Ja zum Leben sagen

Das Buch «trotzdem Ja zum leben sagen» (1945) ist eines der faszinierendsten Bücher, das ich je gelesen habe. Vor allem das folgende Zitat finde ich tief bewegend, da es im Alltag, hier und jetzt, umgesetzt werden kann und dabei die Gewissheit besteht, dass die dahinter stehende Haltung auch im Angesicht der furchtbarsten Umständen Bestand hatte, ja als einzige Möglichkeit übrigblieb:

«Die typische Redewendung, mit der sie allen aufmunternden Argumenten entgegentraten und jeglichen Zuspruch ablehnten, lautete dann immer: «Ich hab ja vom Leben nichts mehr zu erwarten». Was soll man demgegenüber nun erwidern? – Was hier Not tut, ist eine Wendung in der ganzen Fragestellung nach dem Sinn des Lebens: Wir müssen lernen und die verzweifelten Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, viel-mehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!» (dtv Ausgabe, 2008, S. 124)