Die Kleinode des Alltags

Heute Morgen, obwohl es schon 25 Grad warm war, begab ich mich auf einen der Sportplätze in der Nähe meines Wohnorts, um eine Freeletics Trainingseinheit zu absolvieren. Als ich inmitten des Trainings war, fuhren ein älterer Mann und ein rotblond haariges Mädchen mit Sommersprossen und Brille auf ihren Fahrrädern der 100m-Bahn entlang auf mich zu. Beide, das Mädchen zuerst, begrüssten mich beim Vorbeifahren. Während ich mit verschiedenen Übungen weitermachte, radelten die beiden auf dem Asphaltplatz nebenan umher.

Als ich im Übungsteil mit den Liegestützsprüngen war, fragte mich der Mann, der – so wie sich herausstellte – der Grossvater des Mädchens war, welche Fitnessübungen ich hier mache. Wir kamen dann ins Gespräch, er sei im Turnverein, habe früher Nationalturnen gemacht, etc. Das Mädchen, Robin hiess sie, involvierte sich immer mehr ins Gespräch. Bald werde sie 10-jährig, erzählte sie, und erwähnte, dass in einer Woche die 4. Klasse beginne. Samstags sei sie immer bei den Grosseltern und berichtete begeistert von verschiedenen Erlebnissen.

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Drei Ent(ch)en

Nach dem ich heute ein paar kleine Dinge einkaufen gewesen war, hatte ich keine Lust, direkt nachhause zu gehen. Ich kaufte mir einen Kaffee-Latte-Drink und wollte mich auf den Hügel in meiner Stadt begeben, wo sich eine Kirche und ein Kinderspielplatz befinden. Als ich von unten aufgrund des Baggerlärms entdeckte, dass der Spielplatz umgebaut wird, begab ich mich stattdessen in einen kleinen Park in der Nähe des Bahnhofs, wo ich mal kurz auf einer Sitzbank sass, um den Beginn eines Lebensrettungskurses abzuwarten.

Als ich mich möglicherweise auf dieselbe Bank niederliess, welche sich im Halbschatten befand, schoss ich mit meinem Mobiltelefon ein Foto vom kleinen Weiher, der sich vor der Bank ausbreitete. Plötzlich bemerkte ich, dass zwei Enten auf dem Weiher schwammen und auf mich zusteuerten, wahrscheinlich in der Hoffnung, von mir gefüttert zu werden, was laut Schild jedoch ausdrücklich verboten zu sein schien. Als sie sich doch recht nahe an mich heran gewagt hatten, um das Gras zwischen mir und dem Weiher nach Brotkrümeln oder so abzusuchen, zogen sie sich zurück. Ich versuchte sie mit einem hohen Pfeifton durch meine Zähne wieder anzulocken, was halbwegs auch gelang.

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Wilhelm Schmid – Schönes Leben?

«Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst» ist das dritte Buch, das ich von Wilhelm Schmid gelesen habe. Das Buch enthält wenig konkretes (vielleicht darf man das von einem philosophischen Buch auch nicht erwarten) und schwankt hin und her so wie: einerseits …, jedoch andererseits … Dennoch gab es für mich in ihm einige Schätze, für die sich das Lesen der rund 200 Seiten auch gelohnt hat.

Ein Schatz ist die Idee der essayistischen Lebensweise, über die ich schon in einem anderen Artikel ausführlicher nachdachte. Letztlich ist es ein Imperativ, neue Dinge auszuprobieren, neue Erfahrungen zu machen oder offen zu sein für neue Erfahrungen, die durch den Zufall angeschwemmt werden, sich also auch dem Zufall zu überlassen. «Montaigne und Nietzsche […] üben sich in der Akzeptanz der Kontingenz und machen dies zum Bestandteil der essayistischen, experimentellen Existenz.» (S. 91) «Die Wahl, die angesichts des Zufalls in jedem Fall besteht, ist die der Haltung, die das Selbst dazu einnimmt.» (S. 92)

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«Essayistische Lebensweise»

«Essayistische Lebensweise» ist ein Ausdruck, der mir erstmals bei Wilhelm Schmid, Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst, Suhrkamp, 2005, auf Seite 33 begegnet ist. Endlich war da ein Wort für eine Idee, die ich schon lange hatte. Anstatt um das Beschreiben und Argumentieren, also um ein Abhandeln in Gedanken wie in einem schriftlichen Essay geht es bei der essayistischen Lebensführung um ein Handeln im Sinne eines Experimentierens, eines Versuchens. Das Leben als Versuch: einerseits der vorsätzliche Versuch, das geplante Experiment, andererseits das Versuchenlassen, das Mitgehen mit dem Zufall (siehe auch hier).

Gestern, als ich den Bus 660 von Winterthur nach Nürensdorf nahm, wartete eine junge Frau neben mir mit einem Cello oder so. Wir schauten uns mehrmals etwas länger an. Als sie später aussteigen wollte, hatte sie den Halteknopf noch nicht gedrückt und stellte das Cello hin, um ihn zu drücken. Ich drückte dann für sie, ohne dass sie dies bemerkte. Als sie ausgestiegen war, schaute sie zu mir hinein. Das waren ein paar schöne Momente. Gerade könnte ich meine Träume da hineinprojizieren, intensive Gefühle entwickeln. Als sie sich daran machte aufzustehen, bevor sie ausstieg, liess ich meine Gefühle absichtlich zu, auch das Herzklopfen … «essayistische Lebensweise», dachte ich mir … schaute sie an …

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Wilhelm Schmid – Die Liebe atmen lassen

Wenn ich ein Buch lese, dann markiere ich Stellen, die mich besonders ansprechen, auch in Dichtungen. Unter diesen kennzeichne ich die wichtigsten mit einem Stern. Das Buch «Die Liebe atmen lassen» von Wilhelm Schmid ist reichhaltig an Gedanken, hat einen manchmal etwas verborgenen roten Faden, so dass es mir nun nach dem Lesen des Buches schwer fällt, die Essenz des Buches, so wie ich sie verstand, auf einen Punkt zu bringen, ausser dass jeder selbst für sich die Liebe definieren und sich überleben muss, wie er sie in seinem Leben umsetzt. Ich dachte mir, ich gehe die Stellen nochmals durch, die ich mit einem Stern hervorgehoben habe und äussere meine Gedanken dazu, weshalb mir eben gerade diese Stelle besonders bedeutsam ist.

Schmid 2013 Die Liebe atmen lassen

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So nah und doch so fern – unglücklich verliebt

«Eine kleine Chance gibt es noch», denkt sich Thomas als er an Marianne denkt, die mit ihm zusammenarbeitet, in die er sich vor drei Monaten verliebte, als sie scheinbar immer wieder seine Nähe suchte und ihn anlächelte; zumindest kam es ihm so vor. Es muss wohl ein Missverständnis seinerseits gewesen sein, doch das spielt keine Rolle mehr. Er liebt sie oder vielleicht einfach eine Vorstellung von ihr. So klar ist das nicht.

Thomas liegt im Bett, die Wanduhr tickt anscheinend immer lauter werdend. Es ist schon nach Mitternacht. 2:30 Uhr. Er wälzt sich hin und her, und seine Gedanken kreisen wie ein Strudel, wie ein Wirbelsturm um «seine» Marianne. «Seine» Marianne nämlich ist in ihn verliebt, er sieht sie ganz deutlich vor sich. Sie lächelt ihn an, berührt ihn scheinbar unabsichtlich am Arm, während sie ihm eine lustige Begebenheit berichtet auf dem Weg zum Parkplatz. Nach einem kurzen Moment der Stille wollen beide gerade gleichzeitig mit dem nächsten Satz das Gespräch wieder fortsetzen. Während er innehält, fragt sie ihn, ob sie mal nach der Arbeit etwas zusammen unternehmen sollen. So treffen sie sich mal, um zusammen spazieren zu gehen. Irgendwo im Wald bleiben sie stehen, sie schauen sich an, dann schliessen sie die Augen und ihre Lippen berühren sich plötzlich ganz sanft und wie in Zeitlupe. Der innere Film zerreisst abrupt. Er weiss genau, dass diese Phantasie nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Einmal mehr versucht er, «seine» Marianne zu Grabe zu tragen. Der Film beginnt wieder zu rattern, Abschiedsszenen werden gezeigt, ein realer Schmerz lodert wie ein Feuer hinter dem Brustbein. Dann wälzt er sich auf die andere Seite. «Seine» Marianne versucht ihn zu trösten, streichelt ihn. Wieder im Wald, ihn sehnsüchtig anblickend. Nochmals ein Kuss. Plötzlich wandelt sich ihr Blick, er wird traurig. Sie winkt mit Tränen in den Augen, dreht sich um und rennt davon. Jetzt kommt ihm in den Sinn, dass Marianne ihn beim gestrigen Mittagessen gar nicht beachtete. So dreht es sich die ganze Nacht. So dreht er sich die ganze Nacht. Marianne schläft auch irgendwo und hat keine Ahnung, wie Thomas leidet. Marianne ist vergeben. Marianne wird es nie erfahren.

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Die Kunst der Langsamkeit

Langsamkeit ist eigentlich zu einem Schimpfwort geworden in unserer heutigen Gesellschaft, in der es nicht schnell genug gehen kann. Die Schnelligkeit und Effizienz werden als höchste Ziele des Lebens angepriesen, ja man opfert ihnen alles und verkauft ihnen die Seele. Nicht nur die Wirtschaft, sondern seit längerer Zeit auch schon unser Leben gleichen einem unterwürfigen Gottesdienst an diesen Maximen. Die langsamere Maschine scheidet aus dem Markt aus, so auch der Arbeiter, der nicht genug Output leistet. Im Lichte der Gewinnmaximierung, des Macht- und Besitzmaximierens, die dem heutigen Menschen das wichtigste sind, scheint das Wetteifern um Schnelligkeit und Effizienz ein logischer Schluss zu sein.

Wenn ein kleines Mädchen oder ein Knabe in die Primarschule kommt, ist es mit dem unschuldigen Kindesleben vorbei. Von da an ist die Kindheit und später die Jugend unter dem Schatten der Leistung und Strebsamkeit, ja die Menschen werden zur Hochleistung herangezüchtet. Die Noten trennen die Spreu vom Weizen, also die, die Fähig sind, dem Kult der Effizienz und Schnelligkeit zu dienen, werden von denen getrennt, die eben diesen Prinzipien nicht genügen. Das Gefühl des Kindes, ein vollwertiger Mensch zu sein, wird immer mehr davon abhängig, ob es gute oder schlechte Noten kriegt. Auch die Eltern freuen sich über die guten schulischen Leistungen des Kindes oder tadeln es, wenn es eine schlechte Note nachhause bringt. In der selben Weise wird dann der Mensch in der Mühle der Wirtschaft abgeschliffen, verbraucht und dann weggeworfen, wenn er ihr nichts mehr nützt, so wie eine alte Maschine, die man ausmustert.

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Wie wollen wir leben?

Das Buch «Wie wollen wir leben?» von Peter Bieri (Bieri, 2013)⁠, das ich zufälligerweise in einer Buchhandlung aufhob, da die Frage im Titel auch mich beschäftigt, ist eines der besten Bücher, die ich in der letzten Zeit entdeckt habe. In diesem Text versuche ich die Einsichten von Bieri in mir bekannte psychotherapeutische Konzepte und meine Erfahrungen und eigenen Einsichten einzuordnen. Seitenzahlen ohne die Angabe einer Quelle beziehen sich auf oben genanntes Buch.

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Selbstakzeptanz als Anwort auf Selbstzweifel und verdeckten Narzissmus

Heute (27.05.2011) war wieder Weiterbildung und ich hatte intensiven Kontakt mit anderen Menschen, stellte auch Fragen, auch kritische Fragen; ich war dabei ruhig, bzw. nicht von der lähmenden sozialen Interaktionsangst geplagt, oder von abwesendem Selbstvertrauen, von der Idee, dass ich noch viel Lesen und viel Erfolge haben muss, bis ich den anderen Menschen selbstsicher gegenübertreten kann.

Das war heute von mir wie abgefallen gewesen. Ich schlich nicht herum, schaute den anderen in die Augen, konnte mich wirklich auf sie einlassen, weil ich nicht so mit mir selbst beschäftigt war. Das Gesprächsthema kam auch mal auf dieses Thema und andere haben ganz ähnliche Erfahrungen gemacht, haben auch erlebt, dass es mal «klick» machen kann, man das aber wieder verliert. Eine selbstbewusst wirkende Mitstudentin war plötzlich kein Übermensch mehr, sie war wieder in Reichweite, idealisierte sie nicht so, sie gefiel mir nach wie vor, ich sah aber auch Aspekte, die mir weniger gefielen.

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